Warum bin ich erschöpft, obwohl eigentlich alles gut ist?
Wenn du keinen guten Grund findest, warum sich dein gutes Leben plötzlich so anstrengend anfühlt
Es ist erstaunlich viel angenehmer, unzufrieden zu sein, wenn man einen guten Grund dafür hat.
Ein furchtbarer Chef.
Eine Beziehung, die nicht funktioniert.
Zu viel Arbeit.
Zu wenig Geld.
Irgendetwas, auf das man zeigen und sagen kann:
Da. Das ist das Problem.
Schwieriger wird es, wenn man sich umsieht und feststellen muss:
Eigentlich ist alles gut.
Vielleicht sogar ziemlich gut.
Du hast einen guten Job. Menschen, die du liebst. Ein schönes Zuhause. Freunde. Sicherheit. Vielleicht vieles von dem, was du dir vor zehn oder zwanzig Jahren gewünscht hast.
Und trotzdem sitzt da dieses kleine Gefühl.
Nicht dramatisch.
Eher hartnäckig.
War’s das?
Oder: Warum fühlt sich das alles nicht mehr so an, wie ich dachte, dass es sich anfühlen würde?
Und fast sofort meldet sich eine zweite Stimme:
Jetzt sei doch mal dankbar.
Ah.
Die Dankbarkeitspolizei ist da.
Wenn Dankbarkeit plötzlich zum Gegenargument wird
Ich halte Dankbarkeit für etwas Wunderbares.
Nur benutzen wir sie manchmal für Dinge, für die sie nie gedacht war.
Zum Beispiel als Beweis dafür, dass wir nichts anderes wollen dürfen.
Ich habe doch einen guten Job.
Ich habe doch einen tollen Partner.
Mir geht es doch gut.
Andere wären froh, wenn sie meine Probleme hätten.
Alles möglicherweise wahr.
Nur beantwortet keiner dieser Sätze die eigentliche Frage:
Passt das, was ich heute lebe, noch genauso zu der Person, die ich heute bin?
Wir behandeln Veränderungswünsche häufig wie eine Gerichtsverhandlung.
Bevor wir etwas infrage stellen dürfen, müssen wir Beweise vorlegen.
Der Job muss schlimm genug sein.
Die Beziehung unglücklich genug.
Die Erschöpfung groß genug.
Der Leidensdruck hoch genug.
Dann bekommen wir die offizielle Genehmigung:
Du darfst etwas verändern.
Aber was, wenn Veränderung nicht immer bedeutet, vor etwas Schlechtem wegzugehen?
Was, wenn man sich auch von etwas Gutem weiterentwickeln kann?
Woher kommt die Müdigkeit, wenn eigentlich nichts falsch ist?
Woher kommt die Müdigkeit, wenn eigentlich nichts falsch ist?
Vielleicht aus der ständigen Korrektur.
Jedes Mal, wenn der Gedanke auftaucht:
So möchte ich das eigentlich nicht mehr.
und du ihn mit:
Sei dankbar.
Ist doch alles gut.
Andere wären froh.
zurück in die Schublade legst, hast du gearbeitet.
Kurz. Unsichtbar. Ohne Eintrag im Kalender.
Nur passiert das nicht einmal.
Es passiert an einem Dienstagmorgen. Am Sonntagabend. In einem Meeting. Beim Blick aufs Handy. Auf dem Weg nach Hause.
Ein Wunsch taucht auf.
Du korrigierst ihn.
Ein Bedürfnis meldet sich.
Du erklärst ihm, warum gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist.
Eine Grenze wird spürbar.
Du gehst noch einmal darüber.
Jeder einzelne Moment ist klein.
Aber klein bedeutet nicht kostenlos.
Denn mit jeder dieser kleinen Korrekturen passiert noch etwas anderes:
Wir zeigen uns selbst, wie weit wir gehen dürfen.
Was vernünftig ist.
Was zu uns passt.
Was wir verlangen dürfen.
Wie viel Raum wir einnehmen dürfen.
Wer wir sein dürfen.
Und irgendwann entsteht daraus etwas, das ich den unsichtbaren Zaun nenne.
Nicht unbedingt ein Zaun, den andere um uns gebaut haben.
Sondern einer, hinter den wir uns selbst immer wieder zurückschicken.
Sei nicht schwierig.
Sei zufrieden.
Übertreib nicht.
Du hast doch alles.
Das passt nicht zu dir.
Und je öfter wir das tun, desto weniger fühlt es sich irgendwann wie eine Grenze an.
Es fühlt sich an wie unsere Persönlichkeit.
So bin ich eben.
Vielleicht ist genau das ein Teil der Erschöpfung.
Nicht nur, dass wir jeden Tag Kraft darauf verwenden, uns selbst nicht zuzuhören.
Sondern dass wir uns immer wieder zurück hinter einen Zaun schicken, den wir längst groß genug geworden wären zu überschreiten.
Nicht weil das Leben zu klein geworden ist.
Sondern weil wir uns nicht erlauben, größer zu werden als die Regeln, nach denen wir es einmal gebaut haben.
Und vielleicht beginnt Identity Fatigue genau dort:
Wenn die Person, die du geworden bist, mehr Raum braucht als die Identität, die du weiterhin aufrechterhältst.
Hinweis: Identity Fatigue ist keine medizinische oder psychologische Diagnose. Die Inhalte dienen der Information und Selbstreflexion und ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltender Erschöpfung, körperlichen oder psychischen Beschwerden oder wenn du unsicher bist, was hinter deinen Symptomen steckt, lass dies bitte professionell abklären. Im Zweifel immer zum Arzt.
Ein Gedanke, der vielleicht noch ein bisschen bei dir bleibt.
In unregelmäßigen Abständen schreibe ich über Erfolg, Identität, Veränderung und die kleinen Dinge, die unser Leben stärker bestimmen, als wir manchmal merken. Neue Essays, Beobachtungen und Gedanken direkt in dein Postfach.
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