Was bedeutet Identity Fatigue?

Es gibt Tage, an denen ich müde bin und ziemlich genau weiß, warum.

Zu wenig geschlafen. Zu viel gearbeitet. Zu spät ins Bett gegangen, weil ich um 23:47 Uhr noch etwas „ganz kurz“ nachschauen wollte.

Ganz normale Müdigkeit.

Und dann gibt es eine andere.

Du schläfst. Du machst Urlaub. Du gehst spazieren. Du meditierst vielleicht sogar. Du besitzt inzwischen Magnesium in einer Qualität, über die deine Großmutter vermutlich nur den Kopf schütteln würde.

Und trotzdem bleibt dieses Gefühl:

Ich kann noch. Aber ich will so nicht mehr.

Nicht unbedingt den Job.

Nicht unbedingt die Beziehung.

Nicht unbedingt dein Leben.

Dieses So.

Vielleicht ist diese so: Identity Fatigue?

Was bedeutet Identity Fatigue?

Identity Fatigue ist keine medizinische oder psychologische Diagnose.

Ich beschreibe damit eine Form von innerer Erschöpfung, die entstehen kann, wenn es zunehmend Kraft kostet, eine bestimmte Version von uns selbst aufrechtzuerhalten.

Die Starke.

Die Verantwortliche.

Die Unabhängige.

Die Erfolgreiche.

Die Vernünftige.

Die, die alles hinkriegt.

Das Interessante daran: Diese Identitäten sind meistens nicht problematisch, weil sie schlecht sind.

Sondern weil sie verdammt gut funktioniert haben.

Du übernimmst Verantwortung. Menschen vertrauen dir.

Du löst Probleme. Du wirst gebraucht.

Du bist unabhängig. Niemand muss sich Sorgen um dich machen.

Großartig.

Bis aus: Ich kann das.

irgendwann wird: Also muss ich das machen wird.

und später: So bin ich eben.

und irgendwann:

Also darf ich offenbar nie wieder anders sein.

An diesem Punkt hat eine Stärke eine bemerkenswerte Karriere hingelegt.

Sie ist von einer Fähigkeit zu einer unbefristeten Vollzeitstelle in deiner Persönlichkeit geworden.

Ohne Urlaubsanspruch.

Woran kann man Identity Fatigue erkennen?

Vielleicht möchtest du etwas verändern, obwohl objektiv gar nichts falsch ist.

Vielleicht fällt es dir schwer, Hilfe anzunehmen, obwohl du sie anderen selbstverständlich anbietest.

Vielleicht fühlst du dich für Dinge verantwortlich, für die dich offiziell nie jemand zuständig gemacht hat und die, wenn du ehrlich bist auch nicht in deinem Verantwortungsbereich liegen.

Vielleicht kannst du schlecht nichts tun.

Oder du erreichst ein Ziel, freust dich kurz – und deine innere Ziellinie zieht kommentarlos drei Meter weiter. Und mit ihm das Gefühl endlich ankommen zu können.

Vor allem aber taucht vielleicht immer häufiger diese Frage auf:

Warum kostet mich etwas so viel Kraft, das ich eigentlich hervorragend kann?

Genau hier wird Identity Fatigue interessant.

Denn vielleicht bist du nicht nur müde von dem, was du tust.

Vielleicht bist du vor allem müde davon, wer du dabei glaubst sein zu müssen.

Die Millisekunde

Identity Fatigue entsteht selten in einer einzigen großen Entscheidung.

Mich interessieren deshalb die viel kleineren Momente.

Jemand fragt:

„Kannst du das noch übernehmen?“

Für einen kurzen Moment: Eigentlich nicht.

Dann kommen wieder der innere Vorstandsrat hoch:

Die Verantwortliche: “Aber Sie verlässt sich auf mich.”

Die Leistungsstarke: “So viel ist es doch nicht.”

Der Kontrollfreak: “Ich kann das sowieso schneller.”

„Klar.“

Von außen ist nichts passiert.

Aber irgendwo zwischen „eigentlich nicht“ und „klar“ lag ein winziger Moment.

Ich nenne ihn die Millisekunde.

Der Moment, in dem wir kurz spüren, was wir wollen, brauchen oder nicht wollen – und fast gleichzeitig beginnen, es zu korrigieren.

Der Wunsch ist kurz da, dann → Korrektur.

Das Bedürfnis meldet sich kurz zu Wort, dann → Korrektur.

Die Grenze ist bereits gesetzt zu werden, dann → Korrektur.

Und wenn solche kleinen Korrekturen über Jahre selbstverständlich werden, kann irgendwann etwas Merkwürdiges passieren:

Wir hören den zweiten Satz so oft, dass wir ihn für unsere Persönlichkeit halten.

„So bin ich eben.“

Muss ich jetzt mein Leben ändern?

Nein. Das ist die gute Nachricht.

Denn eine Äußere Veränderung bringt nichts, wenn du deine inneren Regeln mitnimmst.

Vielleicht muss daher erstmals nichts Großes passieren.

Vielleicht bleibt dein Job.

Deine Beziehung.

Dein Ehrgeiz.

Vielleicht bleibst du sogar die Person, auf die man sich verlassen kann.

Die interessantere Frage ist:

Hast du noch das Gefühl, wählen zu können?

Denn eine Stärke ist etwas, das ich einsetzen kann.

Eine Identitätspflicht ist etwas, von dem ich glaube, dass ich es sein muss.

Und vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht damit, plötzlich ein anderer Mensch zu werden.

Sondern damit, einen kleinen Moment früher zu bemerken, was gerade passiert.

Probier heute nur das

Achte einmal auf einen Satz, der mit „eigentlich“ beginnt.

Eigentlich möchte ich …

Eigentlich brauche ich …

Eigentlich habe ich keine Lust …

Und dann hör hin, was unmittelbar danach kommt.

Du musst dem ersten Satz nicht folgen.

Vielleicht ist dein zweiter Satz vollkommen vernünftig.

Aber lass den ersten einmal drei Sekunden stehen, bevor deine innere Vorstandssitzung beginnt.

Die Verantwortliche darf später sprechen.

Die Vernünftige auch.

Und keine Sorge: Die Sicherheitsbeauftragte wird sich ohnehin melden.

Aber vielleicht darfst du diesmal zuerst ausreden und dann schauen, was DU wirklich möchtest.

Ein Gedanke, der vielleicht noch ein bisschen bei dir bleibt.

In unregelmäßigen Abständen schreibe ich über Erfolg, Identität, Veränderung und die kleinen Dinge, die unser Leben stärker bestimmen, als wir manchmal merken. Neue Essays, Beobachtungen und Gedanken direkt in dein Postfach.

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Wir haben erstaunlich viel Angst davor, andere zu enttäuschen und erstaunlich wenig davor, uns selbst zu enttäuschen.

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Identity Fatigue vs Burnout?