Warum weiß ich nicht, was ich will?

Vielleicht weißt du es längst. Du lässt die Antwort nur nicht besonders lange stehen.

„Ich weiß nicht, was ich will.“

Dieser Satz klingt zunächst nach einem Mangel an Klarheit.

Also versuchen wir, Klarheit herzustellen.

Wir schreiben Listen. Machen Coachings. Journaling. Vision Boards. Wir fragen uns, was wir tun würden, wenn Geld keine Rolle spielte, wo wir uns in fünf Jahren sehen, was unser 80-jähriges Ich uns raten würde und natürlich, was wir tun würden, wenn wir keine Angst hätten.

Bei der letzten Frage werde ich immer ein bisschen misstrauisch.

Wenn ich überhaupt keine Angst hätte, würde ich möglicherweise Entscheidungen treffen, bei denen ein wenig Angst durchaus hilfreich wäre.

Aber grundsätzlich verstehe ich die Suche.

Wenn wir nicht wissen, was wir wollen, scheint die logische Lösung zu sein:

Wir müssen intensiver darüber nachdenken.

Ich habe nur irgendwann bemerkt, dass die Antwort manchmal längst da war.

Sie durfte nur nicht besonders lange bleiben.

Vielleicht fehlt dir gar nicht die Klarheit

Eine Frau sagt:

„Eigentlich möchte ich diese nächste Führungsrolle gar nicht.“

Da ist sie.

Eine ziemlich klare Antwort.

Nur bekommt sie ungefähr drei Sekunden Sendezeit.

Dann beginnt die Gegendarstellung.

Aber so eine Chance bekommt man nicht oft.

Das Gehalt wäre natürlich gut.

Was mache ich denn stattdessen?

Vielleicht bereue ich es.

Und was denken die anderen?

Fünf Minuten später lautet die Diagnose:

„Ich weiß einfach nicht, was ich will.“

Doch.

Vielleicht wusste sie es.

Sie mochte nur nicht besonders, was die Antwort verändern könnte.

Und das ist etwas anderes.

Zwischen „Ich weiß es“ und „Ich weiß es nicht“ passiert erstaunlich viel

Mich interessiert genau dieser kleine Moment.

Der erste Satz ist häufig erstaunlich schlicht:

Ich möchte das nicht.

Ich brauche eine Pause.

Ich möchte weniger arbeiten.

Ich möchte mehr.

Ich möchte bleiben.

Ich möchte gehen.

Ich möchte Hilfe.

Und dann kommt Satz Nummer zwei.

Der vernünftige.

Der verantwortungsbewusste.

Der gesellschaftlich kompatible.

Der mit Excel-Tabelle.

Ich nenne den winzigen Moment zwischen diesen beiden Sätzen die Millisekunde.

Nicht, weil der erste Satz automatisch richtig ist.

Das wäre mir wichtig.

Wenn ich jedem ersten Impuls meines Lebens gefolgt wäre, hätte ich vermutlich irgendwann Schafe in Portugal gekauft.

Es geht nicht darum, jeden Wunsch sofort umzusetzen.

Es geht darum, ihn lange genug stehen zu lassen, um ihn überhaupt hören zu können.

Warum korrigieren wir unsere eigenen Antworten so schnell?

Weil eine Antwort selten allein kommt.

An ihr hängt etwas.

Wenn ich die Beförderung nicht möchte, was bedeutet das für meine Karriere?

Wenn ich weniger arbeiten möchte, bin ich dann noch ehrgeizig?

Wenn ich Hilfe brauche, bin ich dann noch unabhängig?

Wenn ich nicht mehr diejenige sein möchte, die alles zusammenhält – wer bin ich dann?

Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um eine Entscheidung.

Es geht um Identität.

Denn manche Antworten bedrohen nicht unser Leben.

Sie bedrohen die Geschichte, die wir darüber erzählen, wer wir sind.

Die Erfolgreiche will die nächste Stufe.

Die Starke braucht keine Hilfe.

Die Verantwortliche lässt niemanden hängen.

Die Vernünftige trifft keine riskanten Entscheidungen.

Und selbstverständlich meldet sich irgendwann auch die Dankbarkeitspolizei:

„Du hast doch alles.“

Vielen Dank für Ihren Beitrag.

Wenn der unsichtbare Zaun wie Unklarheit aussieht

Genau hier begegnet mir ein Mechanismus von Identity Fatigue.

Wir haben über Jahre bestimmte Vorstellungen darüber entwickelt, was zu uns passt.

Was vernünftig ist.

Was wir dürfen.

Was Menschen wie wir tun.

Und was nicht.

Diese Regeln können irgendwann einen unsichtbaren Zaun bilden.

Das Interessante an einem unsichtbaren Zaun ist:

Man steht nicht davor und denkt:

Ah. Eine Grenze.

Man denkt:

Das ist unrealistisch.

Das passt nicht zu mir.

So bin ich nicht.

Das kann ich doch nicht machen.

Oder eben:

Ich weiß einfach nicht, was ich will.

Vielleicht ist die Antwort manchmal nicht verschwunden.

Vielleicht liegt sie nur auf der anderen Seite einer Grenze, die wir so lange respektiert haben, dass wir sie nicht mehr als Grenze erkennen.

Noch mehr nachdenken hilft dann nicht unbedingt

Das ist das Gemeine.

Wenn unser Denken dieselben Regeln benutzt, die uns begrenzen, können wir sehr lange nachdenken und trotzdem immer wieder bei denselben Antworten landen.

Dann sitzen wir da mit Journal, Coaching-Fragen und sehr hochwertigem Notizbuch und versuchen herauszufinden, was wir wollen.

Während unser innerer Vorstand jede Antwort bereits am Eingang kontrolliert.

Zu riskant.

Zu egoistisch.

Nicht vernünftig.

Passt nicht zu uns.

Was sollen die Leute denken?

Abgelehnt.

Und irgendwann wundern wir uns, warum aus der Sitzung keine neuen Ideen kommen.

Was hilft stattdessen?

Ich würde für einen Moment aufhören, die perfekte Antwort zu suchen.

Und eine viel kleinere Frage stellen:

Was weiß ich bereits, bevor ich anfange, es mir auszureden?

Nicht:

Was werde ich tun?

Nicht:

Wie soll das funktionieren?

Nicht:

Was bedeutet das für die nächsten fünf Jahre?

Nur:

Was ist der erste Satz?

Vielleicht lautet er:

Ich möchte diese Rolle nicht.

Dann lass ihn kurz stehen.

Keine Konsequenz.

Keine Kündigung.

Keine PowerPoint.

Einfach drei Sekunden.

Und erst danach darf Satz Nummer zwei kommen.

Vielleicht ist er wichtig.

Vielleicht gibt es gute Gründe, die Rolle trotzdem anzunehmen.

Vielleicht ist jetzt tatsächlich nicht der richtige Zeitpunkt.

Vielleicht ist dein erster Wunsch sogar eine ziemlich schlechte Idee.

Alles möglich.

Aber diesmal hast du beide gehört.

Und genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Klarheit und Wahlfreiheit.

Klarheit bedeutet nicht, immer sofort zu wissen, was zu tun ist.

Manchmal bedeutet Klarheit nur, ehrlich genug zu hören, was in uns bereits da ist.

Vielleicht weißt du also nicht nicht, was du willst.

Vielleicht bist du nur verdammt gut darin geworden, dir zu erklären, warum du es nicht wollen solltest.

Und das wäre eine völlig andere Ausgangslage.

Hinweis: Identity Fatigue ist keine medizinische oder psychologische Diagnose. Die Inhalte dienen der Information und Selbstreflexion und ersetzen keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltender Erschöpfung, körperlichen oder psychischen Beschwerden oder wenn du unsicher bist, was hinter deinen Symptomen steckt, lass dies bitte professionell abklären. Im Zweifel immer zum Arzt.

Ein Gedanke, der vielleicht noch ein bisschen bei dir bleibt.

In unregelmäßigen Abständen schreibe ich über Erfolg, Identität, Veränderung und die kleinen Dinge, die unser Leben stärker bestimmen, als wir manchmal merken. Neue Essays, Beobachtungen und Gedanken direkt in dein Postfach.

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Warum bin ich erschöpft, obwohl eigentlich alles gut ist?