Warum sich Veränderung so schwierig anfühlt – selbst wenn du sie willst
Warum sich Veränderung so schwierig anfühlt – selbst wenn du sie willst
Vielleicht hält dich nicht das Neue zurück. Vielleicht ist es das, was du dafür zurücklassen musst.
Wir reden über Veränderung erstaunlich gerne, als wäre sie ein Umzug.
Altes Leben einpacken.
Neues Leben beziehen.
Ein paar Kisten sind schwer, aber grundsätzlich weiß man, wohin mit dem Sofa.
Nur funktioniert echte Veränderung selten so ordentlich.
Manchmal weißt du ziemlich genau, dass du etwas anders möchtest.
Du willst den Job nicht mehr.
Du möchtest weniger arbeiten.
Du möchtest dich aus einer Rolle zurückziehen.
Du willst eine Beziehung anders führen.
Du möchtest nicht mehr ständig verfügbar sein.
Vielleicht freust du dich sogar auf das, was kommen könnte.
Und trotzdem bewegst du dich nicht.
Dann kommt schnell die Frage:
Warum mache ich es nicht einfach?
Vielleicht weil du nicht nur entscheidest, was du gewinnen möchtest.
Du entscheidest gleichzeitig, was du bereit bist zu verlieren.
Jede echte Veränderung hat einen Preis
Nehmen wir an, du möchtest beruflich kürzertreten.
Du gewinnst Zeit.
Freiheit.
Vielleicht Ruhe.
Aber möglicherweise verlierst du auch etwas.
Status.
Ein bestimmtes Einkommen.
Das Gefühl, gebraucht zu werden.
Die Antwort auf die Frage: „Und was machst du beruflich?“
Oder einfach dieses angenehme Gefühl, ziemlich genau zu wissen, wer du bist.
Plötzlich sieht eine Entscheidung, die eben noch vollkommen logisch erschien, komplizierter aus.
Nicht weil du sie nicht willst.
Sondern weil du nicht nur eine Sache entscheidest.
Du verhandelst ein ganzes Paket.
Das Neue kommt leider selten allein.
Man kann etwas loslassen wollen und es trotzdem vermissen
Das ist vielleicht einer der widersprüchlichsten Teile von Veränderung.
Wir glauben oft:
Wenn eine Entscheidung richtig ist, müsste sie sich auch richtig anfühlen.
Erleichterung.
Klarheit.
Aufbruch.
Filmmusik.
Und dann treffen wir die Entscheidung – und sind traurig.
Also denken wir:
Vielleicht war es doch falsch.
Aber Traurigkeit ist nicht automatisch ein Gegenargument.
Du kannst einen Job freiwillig verlassen und deine Kollegen vermissen.
Du kannst eine Rolle nicht mehr wollen und trotzdem vermissen, wer du darin warst.
Du kannst dich nach Freiheit sehnen und gleichzeitig die Sicherheit vermissen, die du dafür aufgibst.
Du kannst wissen, dass etwas vorbei ist, und trotzdem wünschen, dass es noch ein bisschen bleibt.
Wir können etwas hinter uns lassen, ohne es nachträglich schlecht machen zu müssen.
Vielleicht war es gut.
Vielleicht war es sogar sehr gut.
Und vielleicht ist es trotzdem vorbei.
Das Schwierige ist manchmal nicht das Loslassen der Sache
Sondern das Loslassen dessen, was sie über dich gesagt hat.
Ich kenne das selbst.
Wenn wir lange eine bestimmte Rolle hatten, bekommen wir über sie nicht nur Aufgaben.
Wir bekommen Bedeutung.
Vielleicht warst du zwanzig Jahre die Karrierefrau.
Die Führungskraft.
Die Unternehmerin.
Die Mutter, die alles zusammenhält.
Die Vernünftige in der Familie.
Diejenige, die immer einen Plan hat.
Und dann willst du diese Rolle verändern.
Was häufig unterschätzt wird:
Du gibst damit nicht nur etwas ab, das du getan hast.
Du gibst möglicherweise etwas ab, worüber du lange gewusst hast, wer du bist.
Und plötzlich entsteht eine unangenehme Zwischenphase.
Das Alte passt nicht mehr.
Das Neue ist aber noch nicht richtig da.
Die Zwischenphase ist schlecht im Personal Branding
Wir mögen klare Geschichten.
Vorher war ich X. Dann erkannte ich Y. Heute bin ich Z.
Sehr schön.
Drei Slides.
LinkedIn freut sich.
Das wirkliche Leben hat leider gelegentlich andere dramaturgische Vorstellungen.
Da gibt es eine Phase zwischen X und Z.
Und die heißt ungefähr:
Keine Ahnung.
Du weißt, was du nicht mehr möchtest.
Aber noch nicht genau, was du stattdessen willst.
Du hast eine alte Rolle verlassen.
Aber die neue fühlt sich noch nicht selbstverständlich an.
Du bist nicht mehr ganz die Alte.
Aber auch noch nicht die Neue.
Und weil wir diese Phase schlecht aushalten, versuchen wir häufig, sie möglichst schnell zu beenden.
Neuer Job.
Neues Projekt.
Neues Label.
Neuer Fünfjahresplan.
Hauptsache, wir können wieder einen vernünftigen Satz auf die Frage geben:
„Und was machst du jetzt?“
Vielleicht braucht Veränderung eine Phase ohne gute Antwort
Ich glaube inzwischen, dass genau diese Zwischenphase wichtiger ist, als wir denken.
Denn wenn wir sie zu schnell schließen, besteht die Gefahr, dass wir zwar etwas Neues wählen – aber nach den alten Kriterien.
Neuer Job.
Gleicher Leistungsdruck.
Neue Beziehung.
Gleiche Rolle.
Neues Business.
Gleicher Beweisdrang.
Neues Leben.
Alte Stellenbeschreibung.
Dann sieht von außen alles nach Veränderung aus.
Aber innen wurde eigentlich nur umdekoriert.
Vielleicht besteht ein Teil echter Veränderung deshalb darin, eine Weile nicht sofort zu wissen, wer man als Nächstes sein wird.
Das ist unbequem.
Vor allem für Menschen, die ihr Leben bisher ziemlich gut organisiert bekommen haben.
Wir sind hervorragend darin, Unsicherheit in Projekte umzuwandeln.
Projektplan.
Recherche.
Optionen.
Deadline.
Ich kenne das Prinzip.
Aber vielleicht ist nicht jede offene Frage ein Problem, das möglichst effizient geschlossen werden muss.
Die Frage ist nicht nur: Was möchte ich gewinnen?
Wenn du vor einer Veränderung stehst und merkst, dass du immer wieder zurückweichst, würde ich deshalb nicht sofort fragen:
Warum traue ich mich nicht?
Die Frage unterstellt bereits, dass Angst das Problem ist.
Ich würde etwas anderes fragen:
Was verliere ich, wenn ich bekomme, was ich eigentlich möchte?
Vielleicht ist es Geld.
Status.
Zugehörigkeit.
Sicherheit.
Anerkennung.
Eine vertraute Routine.
Die Zustimmung eines Menschen.
Oder eine Version von dir, auf die du einmal sehr stolz warst.
Und dann noch eine zweite Frage:
Was davon möchte ich wirklich behalten – und was darf ich betrauern, ohne deshalb zurückzugehen?
Ich finde diese Frage viel ehrlicher als:
Was hält mich zurück?
Denn manchmal hält uns gar nichts zurück.
Manchmal stehen wir einfach an einem Übergang und merken:
Das Neue hat einen Preis.
Du musst deine alte Version nicht entwerten
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Veränderung leichter wird, wenn wir aufhören, unsere Vergangenheit zum Problem erklären zu müssen.
Die Person, die du warst, war nicht falsch.
Vielleicht hat sie genau das Leben aufgebaut, das du damals wolltest.
Vielleicht hat ihre Disziplin dich weit gebracht.
Ihre Stärke.
Ihr Ehrgeiz.
Ihre Vorsicht.
Ihre Fähigkeit, durchzuhalten.
Du musst sie nicht bekämpfen.
Und du musst dich auch nicht von ihr „befreien“, als wäre sie ein peinlicher Fehler aus deiner Vergangenheit.
Vielleicht kannst du etwas viel Freundlicheres tun:
Ihr danken – und trotzdem weitergehen.
Nicht alles, was wir hinter uns lassen, war schlecht.
Manches war einfach lange genug richtig.
Und vielleicht fühlt sich Veränderung genau deshalb manchmal so schwierig an.
Nicht weil du nicht bereit für das Neue bist.
Sondern weil du gleichzeitig Abschied von etwas nimmst, das einmal wirklich zu dir gehört hat.
Vielleicht ist die Frage deshalb nicht:
Warum kann ich nicht loslassen?
Sondern:
Was verdient einen Abschied, bevor ich weitergehe?
Ein Gedanke, der vielleicht noch ein bisschen bei dir bleibt.
In unregelmäßigen Abständen schreibe ich über Erfolg, Identität, Veränderung und die kleinen Dinge, die unser Leben stärker bestimmen, als wir manchmal merken. Neue Essays, Beobachtungen und Gedanken direkt in dein Postfach.
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