Wie finde ich meinen Spark zurück?

Und warum die Frau von früher dafür die falsche Ansprechpartnerin ist.

Ich erinnere mich an eine Zeit, da war ich leichter.
Lebenslustiger. Unbeschwerter. Die Art Frau, die auf „Wollen wir spontan …?“ schon „Oh ja!“ sagt, bevor der Satz zu Ende ist.

Und manchmal dachte ich in den letzten Jahren: Ich wäre gerne wieder mehr mein altes Ich.

Das Merkwürdige daran: Mein Leben war nicht schlechter geworden. Im Gegenteil. Ich reise immer noch gerne. Liebe Menschen, neue Ideen, schöne Abende. Objektiv betrachtet: alles da.

Und trotzdem fühlte es sich eine Zeit lang innerlich schwerer an.
Nicht dramatisch.
Eher wie ein Programm, das unbemerkt im Hintergrund läuft und permanent ein bisschen Akku zieht. Man weiß nicht genau, welches. Man weiß nur: Um vier Uhr nachmittags ist man bei zwölf Prozent.

Als ich anfing, darüber zu sprechen, hörte ich ähnliche Sätze auch von anderen:
„Eigentlich geht es mir gut. Aber irgendwie fehlt mir etwas.“
„Ich will einfach meinen Spark zurück.“

Die Rettungsversuche

Also tut man, was man in solchen Fällen eben tut. Man versucht, den Spark zurückzuholen.
Man bucht eine Reise. Man hört die Playlist von damals. Man nimmt sich fest vor, wieder spontaner zu sein, und trägt es sich für Donnerstag in den Kalender.

Es hilft. Ein bisschen. Für ungefähr ein Wochenende.

Vielleicht hatte sich doch etwas verändert.
Ich.

Ich war älter geworden. Erfahrener. Reflektierter.
Manchmal vielleicht auch etwas zu reflektiert.

Früher konnte ich einen schlechten Tag haben.
Heute kann ich einen schlechten Tag haben, ihn beobachten, analysieren, welcher alte Anteil gerade aktiviert wurde, und mich anschließend fragen, was er mir sagen möchte.
Persönliche Entwicklung. Ein Geschenk.
Meistens.

Wir verändern uns. Nur unsere Vorstellung davon, wer wir sind und was uns glücklich machen sollte, bekommt nicht immer gleichzeitig das Update.
Updates später erinnern.
Updates später erinnern.
Updates später erinnern.
Und irgendwann wundern wir uns, warum alles ein bisschen langsamer läuft.

Der logische Fehler

Dann machen wir etwas sehr Nachvollziehbares. Wir spüren: Irgendetwas fehlt. Und denken: Ich muss zurück. Zur alten Leichtigkeit. Zur Frau von früher.

Aber will ich wirklich zurück?
Ehrlich gesagt: nein. Sie war großartig. Aber ich bin aus ihr herausgewachsen wie aus einer Jeans, die man trotzdem aufhebt. Man weiß ja nie.

Vielleicht vermisse ich also gar nicht sie.
Vielleicht vermisse ich das Gefühl, das ich mit ihr verbinde.

Und dann kam die eigentlich interessante Frage: Woher kam dieses Gefühl damals überhaupt?

Ich glaube, die Antwort ist einfacher, als ich dachte.

Vielleicht war die Frau von früher nicht leichter, weil sie jünger war. Oder mutiger. Oder weniger reflektiert – gut, das auch.
Sie war leichter, weil mehr von ihr noch im Werden war.
Es stand weniger fest. Weniger Rollen, in denen sie sich kannte. Weniger Antworten auf die Frage: Wer bin ich?
Und damit weniger, das jeden Tag aufrechterhalten werden musste.

Leichtigkeit ist kein Charakterzug, den man irgendwann verliert.
Vielleicht ist sie eine Nebenwirkung davon, noch nicht fertig mit sich zu sein.

Das Programm im Hintergrund

Und plötzlich wusste ich auch, welches Programm da die ganze Zeit Akku zieht.
Es ist die Instandhaltung. Die tägliche Pflege einer Version von mir, die fertig ist. Die Starke. Die Zuverlässige. Die, die das schon hinkriegt.
Sie funktioniert wunderbar. Sie kostet nur jeden Tag ein bisschen Energie.

Genau dafür habe ich einen Namen gefunden: Identity Fatigue. Keine Diagnose, sondern der Moment, in dem eine Version von uns, die lange wunderbar funktioniert hat, mehr Kraft kostet, als sie uns gibt.

Dann lautet die Frage nicht mehr: Wie werde ich wieder die, die ich einmal war?
Sondern: Wo darf ich wieder jemand werden?

Und das ist, zugegeben, eine Zumutung für Frauen, die sehr gut darin sind, zu wissen, wie es geht.

Denn vielleicht heißt es genau das Gegenteil.
Etwas unperfekt machen. Und es trotzdem machen.
Nicht die Starke sein. Sich anlehnen, ohne sofort auszurechnen, wann man sich revanchiert.
Keinen Plan haben. Nicht einmal einen Plan B.
Einen freien Nachmittag einfach frei lassen, statt ihn mit etwas Sinnvollem zu füllen.
Etwas ausprobieren, das keinen Sinn ergeben muss. Nichts erreichen muss. Niemandem etwas beweisen muss. Nicht einmal mir selbst.

Nicht die Frau sein, die weiß, wie es geht.
Sondern wieder die, die ein bisschen tollpatschig durch die Welt läuft und staunt.
Wie ein neugieriges Kind. Nur mit mehr Lebenserfahrung. Und besseren Schuhen.

Die Reife und die Stärke kommen natürlich mit. Ich muss sie nicht zu Hause lassen.
Sie müssen nur nicht mehr jedes Mal das Steuer übernehmen.

Was heute leuchtet

Vielleicht war dein Spark früher Abenteuer.
Heute ist es Tiefe.
Früher Geschwindigkeit.
Heute Raum.
Früher Anerkennung.
Heute Freiheit.

Früher war es:
Schau, was ich alles kann.
Dann:
Schau, was ich nicht mehr muss.
Und irgendwann vielleicht:
Schau, was ich noch gar nicht über mich weiß.

Dann hast du deinen Spark gar nicht verloren.
Und dir fehlt auch nicht die Frau von früher.
Dir fehlt das Gefühl, noch nicht fertig mit dir zu sein.
Nicht schon zu wissen, wer du bist. Was zu dir passt. Was du willst. Wie du normalerweise reagierst.
Sondern wieder ein bisschen Raum zu haben, dich selbst zu überraschen.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht zurück.
Vielleicht müssen wir aufhören, die Frau von früher zu fragen, was die Frau von heute zum Leuchten bringen soll.
Sie weiß es nämlich auch nicht.
Sie war ja noch nie hier.

Ein Gedanke, der vielleicht noch ein bisschen bei dir bleibt.

In unregelmäßigen Abständen schreibe ich über Erfolg, Identität, Veränderung und die kleinen Dinge, die unser Leben stärker bestimmen, als wir manchmal merken. Neue Essays, Beobachtungen und Gedanken direkt in dein Postfach.

Insights per E-Mail erhalten →

Kein täglicher Newsletter. Kein Content um des Contents willen.

Weiter
Weiter

Warum sich Veränderung so schwierig anfühlt – selbst wenn du sie willst