Identity Fatigue vs Burnout?
Warum nicht jede Form von Erschöpfung dieselbe Frage stellt
Wenn Menschen von Erschöpfung sprechen, fällt schnell das Wort Burnout.
Und das ist verständlich. Burnout ist inzwischen ein bekannter Begriff für ein ernst zu nehmendes Phänomen im Zusammenhang mit chronischem Stress am Arbeitsplatz.
Mich interessiert daneben noch ein anderes Erleben.
Menschen, die nach außen weiterhin funktionieren – manchmal sogar ausgesprochen gut.
Sie arbeiten. Treffen Entscheidungen. Führen Teams. Kümmern sich um andere. Erreichen ihre Ziele.
Und trotzdem taucht irgendwann dieser Gedanke auf:
Ich kann noch. Aber ich will so nicht mehr.
Genau an dieser Stelle beginnt für mich eine andere Frage.
Nicht nur:
Wie viel leiste ich?
Sondern:
Wie viel Kraft kostet mich inzwischen die Person, die ich glaube dabei sein zu müssen?
Dafür benutze ich den Begriff Identity Fatigue.
Was ist Burnout?
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout in der ICD-11 als ein vor allem berufsbezogenes Phänomen, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiert, der nicht erfolgreich bewältigt wurde.
Sie nennt drei Dimensionen: Erschöpfung, eine zunehmende mentale Distanz oder negative beziehungsweise zynische Haltung gegenüber der eigenen Arbeit und ein Gefühl reduzierter beruflicher Wirksamkeit.
Burnout bezieht sich in dieser Definition ausdrücklich auf den beruflichen Kontext und wird von der WHO nicht als eigenständige medizinische Erkrankung klassifiziert.
Wichtig ist mir dabei: Ein Blogartikel kann und soll keine Diagnose stellen. Wenn du dich über längere Zeit erschöpft fühlst, körperliche oder psychische Beschwerden hast oder unsicher bist, was dahintersteckt, lass das bitte professionell abklären. Im Zweifel immer zum Arzt.
Was ist der Unterschied zwischen Burnout und Identity Fatigue?
Identity Fatigue ist keine medizinische oder psychologische Diagnose.
Hinweis: Ich verwende den Begriff, um ein bestimmtes Erleben zu beschreiben und eine zusätzliche Perspektive auf Erschöpfung, Identität und unsere inneren Rollen zu eröffnen. Bei anhaltender Erschöpfung, körperlichen oder psychischen Beschwerden oder Unsicherheit über deren Ursache bitte ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat einholen.
Bei Identity Fatigue interessiert mich nicht nur:
Wie viel tue ich?
Sondern:
Wer glaube ich dabei ständig sein zu müssen?
Die Starke.
Die Verantwortliche.
Die Unabhängige.
Diejenige, die immer eine Lösung hat.
Diejenige, auf die man sich verlassen kann.
Das sind zunächst keine Probleme.
Im Gegenteil.
Oft sind es genau die Eigenschaften, die uns weit gebracht haben.
Wir werden dafür geschätzt, gebraucht, vielleicht befördert. Sie geben uns Sicherheit und Anerkennung.
Irgendwann können sie so selbstverständlich zu unserem Selbstbild gehören, dass wir kaum noch zwischen einer Fähigkeit und einer Verpflichtung unterscheiden.
Aus: Ich kann Verantwortung übernehmen.
wird: Ich bin verantwortlich.
Aus: Ich kann stark sein.
wird: Ich darf keine Schwäche zeigen.
Aus: Ich kann das allein.
wird: Ich sollte niemanden brauchen.
Und aus: Ich kann das.
wird irgendwann: Ich muss das.
Genau dieser Übergang ist für mich zentral für Identity Fatigue.
Nicht die Stärke macht müde. Es kann die Vorstellung sein, keine Alternative mehr zu ihr zu haben.
Warum eine Pause manchmal nicht reicht
Wenn die Belastung zu hoch ist, sind Erholung und Entlastung wichtig.
Bei Identity Fatigue stellt sich zusätzlich eine andere Frage:
Was passiert mit meinen inneren Regeln, wenn die äußere Belastung verschwindet?
Denn ich kann im Urlaub sein und mich weiterhin für alles verantwortlich fühlen.
Ich kann weniger arbeiten und trotzdem jede freie Stunde sinnvoll nutzen wollen.
Ich kann Unterstützung bekommen und sie trotzdem nicht annehmen.
Ich kann den Laptop zu Hause lassen.
Meine innere Stellenbeschreibung reist möglicherweise trotzdem mit.
Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur darauf zu schauen, wie voll der Kalender ist.
Sondern auch darauf, welche Regeln wir unabhängig vom Kalender mit uns herumtragen.
Eine Frage, die ich besonders interessant finde
Identity Fatigue lässt sich nicht mit einer Checkliste diagnostizieren.
Aber es gibt eine Frage, die etwas sichtbar machen kann:
Wenn morgen 30 Prozent meiner Aufgaben verschwinden würden – welche meiner inneren Pflichten wären immer noch da?
Müsstest du immer noch stark sein?
Produktiv?
Hilfreich?
Perfekt?
Unabhängig?
Würdest du dich weiterhin schuldig fühlen, wenn du nichts tust?
Würdest du dich weiterhin verantwortlich fühlen, sobald du bemerkst, dass jemand anderes ein Problem hat?
Diese Fragen stellen keine Diagnose.
Aber sie können dabei helfen, etwas anderes zu erkennen:
Welche Anforderungen kommen tatsächlich von außen – und welche tragen wir längst selbst mit uns herum?
Was kann bei Identity Fatigue helfen?
Ich glaube nicht, dass die Antwort automatisch darin liegt, weniger zu arbeiten, mehr Grenzen zu setzen oder das bisherige Leben infrage zu stellen.
Der erste Schritt ist viel kleiner:
Herauszufinden, wo aus einem Können ein Müssen geworden ist.
Nimm eine Eigenschaft, die dich weit gebracht hat.
Vielleicht:
Ich bin stark.
Ich bin zuverlässig.
Ich bin unabhängig.
Ich bin ehrgeizig.
Ich übernehme Verantwortung.
Und ergänze:
Ich kann das sein. Aber muss ich es immer sein?
Es geht nicht darum, diese Eigenschaften loszuwerden.
Ich möchte meine Stärke nicht loswerden. Aber ich möchte mich vielleicht auch mal anlehnen dürfen.
Meine Verantwortungsbereitschaft auch nicht. Aber vielleicht will ich nicht für Alles und Jeden verantwortlich sein.
Und ich möchte ganz sicher nicht plötzlich das Gegenteil von allem tun, was bisher zu mir gehört hat.
Denn dann wäre aus der alten Identität nur eine neue Vorschrift geworden.
Mich interessiert etwas anderes:
Hast du noch Wahlfreiheit?
Stark sein zu können, ohne immer stark sein zu müssen.
Verantwortung übernehmen zu können, ohne automatisch für alles verantwortlich zu sein.
Unabhängig sein zu können und trotzdem Hilfe annehmen zu dürfen.
Vielleicht ist das der Kern:
Identity Fatigue bedeutet für mich nicht, müde davon zu sein, wer wir sind.
Sondern müde davon zu werden, wer wir glauben, immer sein zu müssen.
Und die Lösung ist deshalb möglicherweise nicht, jemand anderes zu werden.
Sondern wieder mehr Freiheit darin zu bekommen, wer wir alles sein dürfen.
Disclaimer WICHTIG: Identity Fatigue ist ein von mir verwendeter Begriff und keine medizinische oder psychologische Diagnose. Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei anhaltender Erschöpfung, körperlichen oder psychischen Beschwerden oder Unsicherheit über deren Ursache bitte ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat einholen.
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